Studio 1 | Aktuell

Die Erfindung Kreuzbergs

Eine Ausstellung über die Zeit der Bohème in den 1960er und 1970er Jahren

veranstaltet von der Kurt und Hannelore Mühlenhaupt-Stiftung
in Kooperation mit der Browse Gallery und der Atelier-Handpresse
kuratiert von Martin Düspohl und Ulrike Treziak

7. August bis 26. September 2021
Studio 1 im Kunstquartier Bethanien

geöffnet
So–Mi: 12–20 Uhr
Do–Sa: 12–22 Uhr
Eintritt: 6 €, ermäßigt 4 €

Tel. 030 616 275 05
E-Mail: post@muehlenhaupt.de
www.muehlenhaupt.de

Die Ausstellung Die Erfindung Kreuzbergs ruft die Zeit der Kreuzberger Bohème in den 1960er und frühen 70er Jahren in Erinnerung. Damals erwiesen sich die von Kriegsruinen geräumten Brachen als Nährboden für künstlerische Kreativität. In verlassenen Fabriketagen entstanden von 1959 an Handpressen, Atelier- und Werkräume sowie auf einem Trümmergrundstück vor Kurt Mühlenhaupts Trödelhandlung ein Kunstmarkt. Von 1959 an eröffneten Galerien wie die Zinke und das Kreuzberger Forum und Künstlerkneipen wie der Leierkasten und die Kleine Weltlaterne.

Was später zum Mythos Kreuzberg verklärt wurde, nahm hier seinen Anfang. Das widerständige Selbstbewusstsein der Frontstadt-Berliner:innen bekam in Kreuzberg eine eigene Farbe, nicht nur in Abgrenzung von Ost-Berlin, sondern auch von der »besseren Gesellschaft« in Charlottenburg, Wilmersdorf und Friedenau.

Die entstehende Kreuzberger Kultur-Mischung aus proletarischem Leben, Kunst, Literatur, Bier und Korn wurde von dem Journalisten Hellmut Kotschenreuther schon 1961 als „Montmartre von Berlin“ bezeichnet, womit er auf die neue künstlerische Produktivkraft anspielte: Sie setzte auf Figuratives, auf Reproduzierbarkeit und stellte sich u.a. mit „fantastischem Realismus“ in Gegensatz zur „Weltsprache Abstraktion“, der sich damals viele Künstler:innen des Berliner Westens verpflichtet sahen. 1972 gründet Aldona Gustas die Gruppe der „Berliner Malerpoeten“ aus schreibenden Malern.

Mit über 400 Originalen – Druckgrafik, Ölgemälden, Zeichnungen und Aquarellen, die meisten aus Privatbesitz, vermittelt die Ausstellung einen Überblick über das Kreuzberger Kunstschaffen jener Zeit und das Milieu, in dem es gedieh. Zeitgenössische Fotos bekannter Fotografen sowie eigens für die Ausstellung produzierte Filme mit Original-Filmausschnitten aus der Zeit geben intime Einblicke in eine karge Welt voller Witz, Einfallsreichtum und geistiger Getränke: das Kreuzberg der 1960er Jahre.

Das Ambiente der legendären Galeriekneipe Leierkasten stand Pate für die Ausstellungsgestaltung. Mit dem Studio 1, der Kapelle des ehemaligen Krankenhauses Bethanien, nutzt die Ausstellung einen „authentischen Ort“. Denn das Bethanien wird dem Berliner Senat Anfang der 1970er Jahre als Künstlerhaus abgestritten. In dieser Zeit hat die Bohème ihren Zenit bereits überschritten. Die Ausstellung schließt mit einem Blick auf die nächste Generation, für die Ton Steine Scherben den Soundtrack liefern.

Die Ausstellung wird gefördert aus Mitteln der Lotto-Stiftung Berlin

Auf dem Bildermarkt vor Mühlenhaupts Trödel in der Blücherstr. 11 in Kreuzberg,
um 1960
Foto: Mühlenhaupt Museum

Beitragsbild: Privatbesitz Bernd Fiedler